Sambia: Christliche Nation per Dekret

This article was published in the German journal Afrika Süd: Zeitschrift zum Südlichen Afrika, 44.2 (2015): pp. 48-49. It is a summary of my article ‘Homosexuality, Politics and Pentecostal Nationalism in Zambia’, Studies in World Christianity, 20.3 (2014): pp. 259–281. For the original PDF of the article, see here.

 RELIGION PRÄGT NATIONALISTISCHE IDEOLOGIEN. Unter dem Einfluss der Pfingstkirchen ist Sambia seit 1991 eine christliche Nation und beispielhaft für die zentrale Rolle von Religion in der historischen Entstehung und heutigen Entwicklung afrikanischer Nationalstaaten.

Am 29. Dezember 1991 erklärte der damalige sambische Präsident Frederick J.T. Chiluba im Beisein von Pfingstkirchenvertretern, aber ohne vorherige Konsultation mit seiner Regierung, Sambia zur christlichen Nation. Um diese Erklärung zu verstehen, muss man die postkoloniale Geschichte Sambias berücksichtigen. Seit der politischen Unabhängigkeit regierte die United National Independence Party (Unip) unter Kenneth Kaunda, lange führte er das Land als Einparteiendemokratie. Er förderte den so genannten sambischen Humanismus, der keineswegs eine rein weltlich orientierte sozialistische Philosophie war, sondern spirituelle Untertöne hatte, die Kaunda gelegentlich in Konflikt mit den Kirchen brachte. Seine Ausrichtung auf östliche (indische d.R.)  religiöse Traditionen in den 1980er Jahren führte dazu, dass Pfingstkirchenvertreter ihn des Satanismus verdächtigten.

Bei den ersten Mehrparteienwahlen am 31. Oktober 1991 unterstützte eine zwischenzeitlich gestiegene Zahl an Pfingstkirchenmitgliedern Frederick Chilubas Movement for Multiparty Democracy (MMD). Sie zelebrierten die Niederlage der Unip und das Ende der Präsidentschaft Kaundas. Als Präsident Chiluba Sambia zur christlichen Nation erkor, feierten die Pfingstkirchen das als Beginn einer neuen Ära, zumal diese Erklärung einige Jahre später auch in der Präambel der sambischen Verfassung verankert wurde. Die katholische Kirche und die etablierten evangelischen Kirchen, die im Christian Council of Zambia – dem heutigen Council of Churches in Zambia – organisiert waren, reagierten kritisch, unter anderen weil sie den Zulauf und steigenden politischen Einfluss der Pfingstkirchen mit Skepsis beobachteten.

Es war nie ganz klar, was die Erklärung der christlichen Nation verfassungsmäßig, politisch und juristisch bedeutete, deshalb kursierten unterschiedliche Interpretationen. Das war insbesondere während der Debatten über die Verfassungsreform und im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen 2011 der Fall. Damals behauptete die regierende MMD, Sambias Charakter als christliche Nation sei gefährdet, falls die Oppositionspartei Patriotic Front (PF) unter dem Katholiken Michael Sata an die Macht kommen würde. Gerüchten zufolge wollte Sata die Rechte von Homosexuellen fördern, was seine Gegner als Respektlosigkeit gegenüber Sambia als christlicher Nation interpretierten. Nachdem Sata die Wahl gewonnen hatte, verkündete er öffentlich, seine Regierung würde sich an den zehn Geboten der Bibel orientieren.

Bedrohungszenarien

Pfingstkirchenführer unterstützten in Sambia nie nur einen bestimmten Politiker oder eine Partei. Vielmehr begannen sie zeitgleich mit der Einführung der Mehrparteiendemokratie und der neo-liberalen Öko-nomie 1991 einen spirituellen Diskurs, der inzwischen Themen wie Menschenrechte und Sexualität erfasst. Wenn ein Nationalstaat seine Existenz gefährdet sieht, wird diese Bedrohung oft in sexualisierte Begriffe übersetzt. Dabei gilt die gleichgeschlechtliche Sexualität als Bedrohung für die Reinheit der Nation – als fremdartig und verschwörerisch. Sie wird sogar mit dem Teufel assoziiert.

Die politische Mobilisierung gegen Homosexualität in Sambia ist von pfingstkirchlicher Moral und theologisch-politischen Vorstellungen beeinflusst, die lokale Machtstrukturen prägen. Diese regulieren wiederum homosexuelles Verhalten, so wird die Sexualität von Schwulen und Lesben kriminalisiert.

Als 1998 Francis Yabe Chisambisha sich in einem Zeitungsinterview als Homosexueller outete und kurz danach die Lesbian, Gays, Bisexual and Transgender Persons Association (Legatra) gegründet wurde, äußerten sich Kirchenvertreter und Politiker gegen  Homosexualität. Zunächst schwieg der damalige Präsident Chiluba, dann meinte er, Homosexualität sei unbiblisch und für seine Regierung inakzeptabel. So wurde Legatra daran gehindert, sich als Nichtregierungsorganisation registrieren zu lassen, was das baldige Ende dieser Organisation zur Folge hatte.

Nachdem der UN-Generalsekretär Ban Ki-moon im Februar 2012 in einer Rede vor dem sambischen Parlament die Einhaltung der Menschenrechte sexueller Minderheiten angemahnt hatte, veröffentlichten kirchliche Institutionen Stellungnahmen, in denen sie die Forderungen des UN-Generalsekretärs ablehnten. Federführend waren das Evangelical Fellowship of Zambia, EFZ, das evangelikale und Pfingstkirchen eint, und der Kirchenrat Sambias CCZ, der die etablierten Kirchen in Sambia vertritt. Justizminister Wynter Kabimba erklärte, in Sambia – einer christlichen Nation – sei kein Platz für Schwule.

Christliche Werte

Ausgehend vom Gegensatz zwischen christlichen Werten und der unmoralischen Welt instrumentalisiert der Teufel laut Einschätzungen politisch einflussreicher Pfingstkirchenvertreter westliche Politiker und internationale Organisationen, um Afrika die Homosexualität und Homosexuellenrechte aufzudrängen. Die christliche Nation Sambia sei hierfür ein bevorzugtes Ziel. Umso mehr sei – so auch eine verbreitete Meinung in der Bevölkerung – die Verteidigung der nationalen Reinheit Sambias, seiner Kultur und Tradition eine patriotische und religiöse Pflicht. Wenngleich Pfingstkirchen zumeist afrikanische Traditionen ablehnen, werden diese dennoch beispielsweise in einigen Internetdiskussionen mobilisiert.

Unter Bezug auf Familienwerte, die insbesondere von US-amerikanischen Pfingstkirchenvertretern beschworen werden und in Sambia einen Resonanzboden finden, wird die vorkoloniale diskrete Duldung gleichgeschlechtlicher Sexualität ignoriert. Gleichzeitig werden auch dynamische sozio-kulturelle Veränderungen und unterschiedliche Interpretationen des Christentums ausgeschlossen.

Allerdings ist die Kampagne gegen Homosexuelle in Sambia – ähnlich wie in anderen afrikanischen Ländern – nicht ausschließlich auf US-amerikanische christliche Rechte zurückzuführen, die ihren „Kulturkrieg“ nach Afrika exportieren. Außerdem steht Nationalismus im Kontrast zur globalen Gemeinschaft von Erretteten innerhalb eines weltumspannenden Pfingstkirchentums, das auf einen heiligen Geist baut, der alle Sprach- und Staatsgrenzen überwindet. Zwar gibt es viele Verbindungen zwischen amerikanischen und afrikanischen Kirchenvertretern und transnationale Netzwerke propagieren bestimmte Vorstellungen von Homosexualität. Aber man darf nicht die afrikanischen Akteure übersehen, die Homophobie verbreiten und von lokalen nachkolonialen Bedingungen ausgehen. Offenbar braucht das Pfingstkirchentum die Homosexualität als das dämonische Andere, um in Abgrenzung dazu eine kollektive Identität zu bilden und das politische Projekt einer christlichen Nation zu schaffen.

Kontroversen

Es gibt aber auch einige Gegenstimmen, etwa im Internet. Manche Kommentatoren nehmen auf Sambia als christliche Nation Bezug und werfen der dortigen Gesellschaft Heuchelei vor, wenn sie Homosexualität angreift und gleichzeitig Alkoholismus, Korruption und Hexerei dulde. Andere betonen, Hassreden seien mit christlicher Toleranz und Nächstenliebe unvereinbar. Außerdem wählte die Mehrheit der Stimmberechtigten Michael Sata 2011 zum Präsidenten, obwohl seine Gegner ihm nachsagten, er wolle Homosexuellenrechte fördern. Zudem erklärte ein Vertreter der katholischen Bischofskonferenz 2012, homosexuelle Handlungen seien sündhaft, jedoch dürften Menschen mit homosexuellen Orientierungen nicht diskriminiert werden. Des Weiteren sei die katholische Kirche über die Hassreden gegen Homosexuelle besorgt.

Dennoch nahmen Vertreter der katholischen Kirche im April 2103 gemeinsam mit Repräsentanten evangelischer und pfingstkirchlicher Vereinigungen an einem offiziellen Beratungsgespräch über Homosexualität und Homosexuellenrechte teil. Der Zeitung Times of Zambia zufolge wurde beschlossen, keine Praktiken anzuerkennen, die den biblischen und sozio-kulturellen Normen der Gesellschaft entgegenstünden.

Derzeit ist die Anti-Homosexuellendebatte in Sambia so mächtig und von pfingstkirchlichen Meinungen dominiert, dass differenzierte Einschätzungen als anti-christlich gelten. Öffentliche Diskussionen über Menschenrechte und Homosexualität sind nahezu unmöglich. Hier findet aber weniger ein Kampf der Kulturen zwischen Afrika und dem Westen statt oder postkolonialer Widerstand angesichts der Globalisierung. Vielmehr geht es um unterschiedliche Vorstellungen von Moderne in Afrika, um das Verhältnis zwischen Pfingstkirchentum und Demokratie, um Religion und Öffentlichkeit, Politik und Menschenrechte.

Advertisements

Leave a comment

Filed under Publications

Comments are closed.